WALL•E (2008)
Nicht nur Roboter können sich scheins verlieben, nein auch Menschen können sich in Roboter verlieben. Und das sogar mittlerweile hordenweise. Aber wie könnte man WALL•E auch widerstehen? Glaubt mir, Ihr habt keine Chance.
Denn WALL•E, der Film, ist nicht nur entzückend, absolut herzerwärmend und liebenswert, sondern auch intelligent, zynisch und kritisch. Jedoch verbindet er dies überaus charmant und auf höchstem, technischem Niveau.
Die Menschen kommen auf jeden Fall nicht wirklich gut weg in Pixars neuestem Meisterwerk. Denn sie haben die Erde schließlich doch erfolgreich zerstört, sind ins All geflüchtet und haben eine riesige Müllhalde hinterlassen, die nun von abertausenden WALL•Es (Waste Allocation Load Lifter – Earth-Class) wieder aufgeräumt werden soll. Nach 700 Jahren jedoch sind auch diese eingegangen und nur ein kleiner Roboter trotzt noch den Unwidrigkeiten unseres futuristischen Planeten und werkt eifrig weiter.
Durch eine Suchaktion gelangt dieser letzte WALL•E, unser Held, dann eines Tages auf die entfernte Raumstation der Menschen, die nun völlig degeneriert sind und nicht einmal mehr selbstständig laufen können. Doch die Menschen sind dem kleinen Roboter egal, er hat sich hemmungslos in EVE (Extraterrestrial Vegetation Evaluator ), einen glänzend schönen Suchroboter, verliebt. Und diese große Liebe bringt sehr bald alles in Bewegung.
Ach ja, und natürlich gibt es auch erneut einen furiosen Vorfilm: Presto. Schön, dass sich Pixar dieser Tradition wieder besonnen hat.
WALL•E ist definitiv der liebenswürdigste Roboter nach R2-D2 (wer diesen Link jetzt tatsächlich gebraucht hat, sollte sich schämen!!
) auch wenn er optisch vielmehr an Number 5 aus Short Circuit erinnert.
Mich hat dieser Film wieder wie ein kleines Kind staunen lassen, obwohl die Hintergrundgeschichte, Stichwort zerstörte Erde, eigentlich mehr als bitter ist. WALL•E bleibt aber von dieser Trostlosigkeit ziemlich unbeeindruckt, hat er doch nur Augen für EVE und löst trotzdem, oder deswegen, komplett unschuldig quasi im Vorbeifahren bei vielen Menschen und Maschinen etwas Positives aus.
Beeindruckend fand ich, wie viel Emotion fast hauptsächlich durch mechanische Körpersprache transportiert werden kann. Nachdem beinahe alle Roboter in diesem Film nur mit sehr unterentwickelten Sprachorganen bestückt wurden, liest man ihren Gemütszustand überwiegend an ihren Körperhaltungen ab, die von den Animatoren mit sehr, sehr viel Liebe zum Detail realisiert wurden. Samy Molcho hätte wohl seine wahre Freude daran. EVE kommuniziert zum Beispiel fast ausschließlich mit Ihren Augen und lässt dabei keine Fragen offen, was ihr gerade durch den auf Hochglanz polierten Kopf geht.
Auch die Regiearbeit wirkt frischer und moderner als bei anderen Animationsfilmen. Nette Kamerafahrten, mehr Spielereien mit Tiefenschärfe, alles wirkt realistischer, obwohl dieser Anspruch optisch gar nicht gestellt wird. Jedenfalls fühlt man sich als Zuseher der Geschichte dadurch sehr viel näher. Und das nicht nur, weil für Apple-Nutzer einige nette Szenen dabei sind.
Spannend ist übrigens auch der Abspann, der die Geschichte anhand verschiedener Zeichenstile weitererzählt und zum Schluss sozusagen im Schnelldurchlauf die ganze Story im Pixeldesign der Computerspiele der frühen 1990er noch einmal durchspielt. Mein Prädikat: Von der ersten bis zur letzten Sekunde sehenswert!





2 Kommentare
1
Wirklich ein entzückender Film mit unendlich vielen spaßigen Details. Um z.B. auf das gezeigt Bild einzugehen: Das Solarpanel zum Aufladen der Batterien sieht bei WALL•E so aus wie diese Alu-Bräunungsspiegel, mit denen sich reiche Hausfrauen in div. Hollywood-Filmen in der Sonne räkeln.
2
Ein Märchen aus düsteren Zeiten! Offenbar ist es dem Pixar-Studio gelungen, einen Klon aus dem Gen-Mix von Al Gore, Buster Keaton und Stanley Kubrick zu züchten – oder wer sonst könnte diese Geschichte einer fröhlichen Apokalypse ersinnen?! Insbesondere der gänzlich dialoglose erste Abschnitt, der WALL-E ganz allein bei seinen alltäglichen Verrichtungen am globalen Müllplatz beobachtet, ist brillant: ein mechanischer Sisyphos mit popkulturellem Gedächtnis als Held eines Öko-Propagandafilms – das ist gleichzeitig so universell verständlich (wie es eben seinerzeit die Slapstick-Stummfilme waren) und so modern (wie eben Al Gores grüner Populismus), und zudem noch tricktechnisch atemberaubend, wie es offenbar nur Hollywood zusammenzaubern kann.
Hoffen wir es nicht…
Kleiner Einwand: ähnlich wie es bei Will Smith in I AM LEGEND war, verliert auch WALL-E merklich ab dann an Originalität und Charme, als die einsame Hauptfigur Gesellschaft bekommt. Das Alp-Traumschiff des adipösen Menschheitsrestes verleitet wahrscheinlich viele Zuschauer zu einem selbstgerechten Hohngelächter über diese dekadenten Trottel, die natürlich keineswegs wir selber sind.
Übrigens, ob die extrem schießwütige Heldin „Eve“ bereits ein Vorgeschmack auf die (potentielle) Vizepräsidentin Sarah Palin war?!
P.S.: Ein Interview mit dem Sounddesigner Ben Burtt, der mit seinen Toneffekten WALL-E so erstaunlich „menschlich“ machte (wie er das bereits Jahrzehnte früher für „R2-D2“ getan hatte), gibt es unter http://www.epd-film.de/33192_58091.php zu lesen. Ein sicherer Oscar-Gewinner 2009! (Hauptdarsteller WALL-E selber wird wohl WRESTLER Mickey Rourke den Vortritt lassen müssen – der schaut nämlich noch kaputter aus.)